"Habe ich dich wirklich so sehr überrascht?" fragte Max beim Hereinkommen und es klang ganz schön kokett.
"Gelungen", japste Lena.
Er setzte sich wieder, Lena zog sich den Treppenhocker neben ihn und Max nahm einen Schluck Kaffee. Sie sprachen kein Wort, sahen einander nur in die Augen. Lena hätte ihre Tasse schlucken können, so weggetreten war sie. Er nahm sie bei der Hand und begann, mit ihren Fingern zu spielen. Dann zog er sie an seine Lippen und küsste jeden Finger einzeln. Der Duft einer mediterranen Nacht stieg in Lenas Nase. Sie seufzte und schloss die Augen. Tiefviolett erblühte die Bougainvillea hinter ihrem Blick.
Weihnachten auf Ischia, so schnell konnte das gehen.
Sie spürte seine Lippen auf ihrem Mund, ein mit Zitronenduft getränkter Wattebausch legte sich auf ihre Nase und narkotisierte weite Teile ihres Körpers, vornehmlich des Gehirns.
Das tiefe Violett verwandelte sich in purpurrote Arabesken. Sie spürte, wie er sie in die Höhe zog und auf ihren Schreibtisch schob, aber sie war unfähig, die Augen wieder zu öffnen. Das Farbenspiel, das hinter ihren Lidern ablief und sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete, ließ sie nicht aus seinem Bann.
Wahrscheinlich gab es Menschen, die dafür sehr viel Geld ausgaben, um in einen solchen Farbenrausch zu gelangen, flüsterte sich Lena selbst ins Ohr, was sie mit umso größerer Verwunderung erfüllte, weil sie spürte, dass sich gerade etwas feuchtes, warmes ebenfalls ihren Gehörgang entlang schob, um weitere Farben in ihren Kopf zu schleudern.
Die Farben vermengten sich und bildeten ineinander fließende Wellen. Auf und nieder trugen sie Lena, immer höher, bis in den Himmel, doch plötzlich zerfloss dieser in wilden Farbspiralen, die Lena rasend schnell, trudelnd in die Tiefe rissen. Sie öffnete die Lippen, wollte schreien, doch die Farben drangen ihr nun auch in den Mund und vermischten sich zu einem rotgoldenen Feuerball, auf dem sie aus der Tiefe in die Unendlichkeit ritt.
"Maaaaaaaa-x!" hörte sie das herangaloppierende, bisher nie gesehene Regenbogentier brüllen (seltsamerweise wurde von grellbunt explodierenden Feuerwerkskörpern "Leeeeeeeen-a!" als Echo zurück geschleudert), und sie verglühte beinahe in ihrer Furcht um Max. Sie wollte ihm zu Hilfe eilen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Irgendetwas hielt sie wie ein Schraubstock umfangen. Sie erstarrte vor Schreck und trat wie ein Meteor wieder in die Hemisphäre ein.
Sie öffnete die Augen und schloss sie gleich wieder vor dem Blick, mit welchem Max durch sie hindurch sah.
Sein Blick war so nackt gewesen, wie Lena niemals geglaubt hätte, das etwas derart nackt sein konnte. Und diese Nacktheit entblößte eine Angst, deren Horizonte in Max's Augen nicht mehr erkennbar waren. Sie fraß Löcher ins Universum und sprang sofort an Lenas Kehle. Lena würgte und rang nach Luft.
"Es wäre der richtige Zeitpunkt zum Sterben gewesen. Ich habe so etwas noch nie erlebt und werde es nie wieder erleben können", stieß er hervor.
Lena hörte nur Buchstaben, die sie nicht in die richtige Reihenfolge bringen konnte, aber sie war glücklich, dass das Regenbogentier, das Max scheinbar ebenso geängstigt hatte wie sie, ihn nicht gefressen hatte. Sein Blick war nun bereits wieder bekleidet, wenn auch nicht sehr züchtig, sondern mit sinnlicher Verblüffung, und das Universum war nur mehr ein Wort.
"Du bist die wunderbarste Unerotische, die es auf der Welt geben kann", feixte Max und Lena klapperte mit den Augendeckeln, als wäre sie Dornröschen beim Erwachen.
"Frohe Weihnachten!" sagte sie dann und versuchte festzustellen, ob sie noch alles an sich in Gebrauch nehmen konnte. Au weh, au weh!
"Frohe Weihnachten!" grinste Max und ließ Lena vorsichtig los. Auch er verzog schmerzvoll das Gesicht.
"Alte Menschen und Sex", brummte Lena. Ihr Blick glitt von dem behutsam zurück tretenden Max an ihnen Beiden hinunter. Gab es etwas Lächerlicheres auf der Welt als Menschen mit heruntergelassenen Hosen?
Lena begann hysterisch zu lachen und wusste genau, wie das Gespenst ausgesehen hatte, das sie damit vertreiben wollte.
"Willst du es dir nicht doch überlegen?" fragte Lena noch einmal, als sie die Tür aufsperrte. "Es wäre wirklich kein Problem, erst morgen auf den Semmering zu fahren."
"Nein", lächelte Max und Lena wurde von der Traurigkeit abgelenkt, die sie plötzlich empfand. Es schien eigenartigerweise nicht ihre eigene zu sein. Seltsam.
"Ich kann Helmut nicht allein lassen. Mir selber ist ja Weihnachten nicht so wichtig, aber er lebt schon tagelang in Angst und Schrecken vor einem möglichen Heiligen Abend ohne Manuela. Und prompt ..."
Sie hatten die letzte Stunde damit verbracht, Händchen haltend nebeneinander in ihrem Büro zu sitzen und Max hatte aus seinem Alltag berichtet.
Nein, er hatte noch keine Zeit gehabt, sich ein neues Türschloss machen zu lassen.
Nein, in der Firma würde er sowieso keines machen lassen können, weil sein Vater ja doch im Geschäft aushalf, wenn Max außerhalb beschäftigt war.
Dafür hatte er aber die Möbel seiner Eltern nun wenigstens alle in einem einzigen Zimmer zusammen geschoben.
Nein, die Büroarbeit hatte er noch immer nicht in Angriff nehmen können. Den Buchhaltungs-Kurs hatte er auch abbrechen müssen, weil er zu viel im Kopf hatte und nicht mitkam. Im Februar würde er noch einmal damit beginnen.
Ja, Claudia rief immer noch an und verfügte über seine Zeit, die er mit den Kindern verbringen sollte. Aber er konnte doch seine Kinder nicht allein irgendwo auf der Straße stehen lassen. Der Kleine stellte ihm sowieso die seltsamsten Fragen, ob er denn nun gar nicht mehr sein Papa sei und wieso er ihn denn verlassen hatte, wenn doch Bernie immer bei ihm sein dürfe, wenn dieser nur wollte. Lukas wollte auch.
Er versuchte, dem Kleinen zu erklären, dass er als Vater nur nicht mehr mit ihm in einem Haus wohnte, aber immer für ihn da sei. Wenn er nun aber nicht da war?
Lena versuchte ihrerseits, Max zu erklären, dass es dabei gar nicht um die Kinder ging, sondern ein Machtspiel zwischen Claudia und ihm ablief, in welchem er doch auch etwas Verantwortung auf Claudia übertragen müsse.
"Du kennst sie nicht, sie hat sich nie um die Kinder gekümmert und jetzt tut sie es sicher noch weniger."
"Kümmere du dich lieber um deine Kinder, als um Claudia und was sie tut!" rief Lena und sah, dass Max zusammen zuckte. Sie streichelte mit der freien Hand wieder über seinen Arm.
"Ich meine, es wäre beispielsweise auch dafür sehr gut wenn du dir endlich ein Handy anschaffen würdest. Ich kenne mich da nicht so gut aus, aber soviel ich weiß, kriegt man die jetzt sowieso schon gratis, wenn man einen Jahresvertrag abschließt. Dann gibst du dem Kleinen deine Telefonnummer und schärfst ihm ein, dass er dich immer anrufen kann. Nicht nur, wenn du ihn wo abholen sollst, sondern auch, um einfach mit dir plaudern zu können. Kauf ihm eventuell ein Wertkartenhandy, das kostet nicht die Welt, zeigt ihm aber, wie ernst es dir damit ist und Claudia kann seine Telefonate nicht aus Kostengründen ablehnen." Sie streichelte den Teddy, um dessen Anschaffungspreis man sicher mindestens ein Handy bekommen hätte und sah ihn verlegen an. "Wie gesagt, ich borge es dir auch gerne. Mein Weihnachtsgeschäft war sehr gut, ich kann es mir im Moment leisten", grinste sie spöttisch.
"Sprich mit Lukas darüber, was er tut, was er denkt, mit wem er spielt und was er spielt, anstatt ihm erklären zu wollen, was zwischen dir und Claudia abläuft und warum die Familiensituation nun anders ausschaut. Du musst versuchen, nah an ihm dran zu bleiben, an seinen Gedanken, Ängsten und Sorgen, nicht ihm deine auch noch aufladen. Mit Erklärungen ist da nichts zu bewerkstelligen."
Max sah sie aufmerksam an und begann langsam zu nicken.
"Das erscheint mir logisch. Wieso weißt du das so gut, du hast doch gar keine Kinder?"
Sollte sie ihm sagen, dass er mit ihr in der gleichen Form umging, wie mit seinem Jüngsten? Dass er ihr auch immer nur sagte, dass er ihr nicht wehtun wollte und ihr dann tagelang eine nach der anderen verpasste?
Wie sollte der Fünfjährige damit zurecht kommen, wenn es ihr doch auch nicht gelang? Wie sollte der Kleine verstehen, dass der Vater dauernd sagte, er sei immer für ihn da, damit aber nur meinte, wenn er wo abzuholen war?
Sie schüttelte leicht den Kopf.
"Wir sprechen nach den Feiertagen in Ruhe darüber, ja? Jetzt ist nicht genug Zeit dafür. Du kannst ja einstweilen über das Prinzip nachdenken", lächelte sie und streichelte den Teddybären auf ihrem Schoß zärtlich. Max drückte ihre Hand und schüttelte leicht den Kopf.
"Was bist du nur für eine wunderbare Frau. Glücklich der Mann, der dich einmal bekommt."
Lena riss die Augen auf. Max schüttelte noch immer verwundert den Kopf.
"Wie ich schon einmal sagte, wo haben die Männer bloß ihre Augen und ihr Gefühl?"
"M-max!" stotterte Lena tonlos. Doch dieser sprach bereits weiter.
"Aber ich brauche mir ja nur die in meinem Umfeld ansehen. Diesen Vollkoffer von Helmut. Hundertmal habe ich ihm schon gesagt, was er tun soll. Aber nein, jedes Mal rennt er wieder hin, wenn diese Tussi nur mit dem kleinen Finger winkt. Oder Jo. Brät an, was nur zwei Beine unter einem Rock hat. Um als neue Partnerin für ihn in Frage zu kommen, muss eine Frau aber in erster Linie so jung und schön sein, dass seine Ex beinahe der Schlag trifft. Und Richard, der vor einer Frau, wie du eine bist, überhaupt Angst hat und lieber mit seiner Alten wortlos vor der Glotze hockt?"
Wieso hatte Richard Angst vor ihr?
"Dem Karl wiederum macht sein eigener Schwanz so viel Angst, dass er sich täglich einen ansaufen muss. Schön langsam verstehe ich, was du mir damals von den Männern erzählt hast."
"Und du?" fragte Lena leise.
"Ich habe keine Angst! Weder vor meinem Schwanz noch vor dir. Und andere Frauen interessieren mich sowieso nicht." Lena fühlte sich wie im Wechselbad. Wusste der Mann denn auch nur ansatzweise, was er da so von sich gab? Aber auch um dieses Gespräch weiter zu führen, war wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Sie streichelte von neuem ihren Teddybären und spielte mit seinen Ohren.
"Jetzt bin aber wieder ich dran!" grinste Max. "Soweit darf es nicht kommen, dass der nun alles kriegt.
Aber da hast du schon geschaut, mit dem hast du nicht gerechnet?" fragte er dann Beifall heischend, wie schon mehrmals an diesem Nachmittag.
Sein Gesicht wurde dabei wieder strahlend vor Freude und wie die Kinder saßen sie Händchen haltend nebeneinander, Lena hielt den Teddy auf dem Schoß und sie streichelten ihm abwechselnd über das weiche Fell, stupsten ihn an der Nase oder knuddelten mit seinen Ohren herum.
Aber die Zeit war leider nicht stehen geblieben.
"Max", sagte Lena leise. "Ich danke dir für diese wunderbare Überraschung. Du hast mir die schönsten Weihnachten meines Lebens beschert und ich werde den Abend in Gedanken an dich verbringen. Vielleicht können unsere Gedanken einander treffen?"
Max lächelte nur stumm, dann zog er Lena an sich und küsste sie noch einmal stürmisch. Wie damals in Ischia riss er sich von ihr los und stürmte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Lena sah ihm Stirn runzelnd nach.
Raus aus der Dramatik, befahl sie sich dann selbst, drehte sich um und ging in ihr Büro zurück. Dort saß auf ihrem Schreibtischstuhl der neue Chef des Hauses. Lena setzte sich, nahm ihn wieder auf die Knie und zeigte ihn ihrem Kind. Und dieses juchzte und begann sofort mit ihm zu kuscheln.
Aha, der heutige Umsatz war gar nicht so schlecht gewesen. Gut so, der Teddy hatte schon ein ordentliches Loch in sein Budget gerissen. Vielleicht konnte er da wirklich noch für Lukas ein Handy kaufen. Obwohl, dann würde natürlich Bernie auch eines wollen. Lena stellte sich das schon immer viel einfacher vor, als es dann tatsächlich war. Ihr Leben verlief so viel unkomplizierter.
Ja, und wo war nun Lenas Paket? Er sah sich suchend um. Nichts.
Er lief in die Wohnung hinauf. Nichts.
Aber das gab es doch nicht. Wenn Lena sagte, sie hätte mit dem Botendienst ein Paket geschickt, dann hatte sie es auch getan.
Dass der Bote zu spät gekommen war?
Aber als er zu Lena kam, war das Paket schon weg gewesen. Sie hatte es sicher zeitgerecht aufgegeben.
Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihm hoch und er musste sich setzen, weil ihn die aufsteigende Welle von Wut sonst einfach umgeworfen hätte. Er wartete bis sie einigermaßen verebbt war, dann ging er mit hölzernen Schritten einen Stock tiefer.
Jahrelang war er nicht mehr in der Wohnung seiner Eltern gewesen.
Max hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt, weil sie ihn schon als kleines Kind dauernd irgendwelcher Taten bezichtigte, die er nie begangen hatte. Ab der Pubertät und mit dem Auftreten der ersten Freundin bezogen sich ihre Anschuldigungen dann fast ausschließlich auf seine Sexualität. Sein Vater versuchte immer, zwischen ihm und der Mutter zu vermitteln, indem er Max zu erklären versuchte, dass sie in ihrer Kindheit furchtbare Erlebnisse hinter sich bringen musste und deshalb >ein wenig seltsam< war.
Als Max Claudia nach Hause brachte, was er erst tat, als sie beschlossen hatten, zu heiraten, wurde kurzzeitig alles besser. Die beiden Frauen verstanden einander auf Anhieb recht gut und in seiner Verliebtheit war er vor Glück geblendet von dem guten Einfluss, den Claudia offenbar auf seine Mutter ausübte. Nach dem Vorfall mit Bernhard wurde Max's Sexualität und angebliche Brutalität nicht nur zum Thema zwischen seiner Frau und ihm, sondern zum vorrangigen Auslöser für seine Mutter, ihn wieder dauernd zu beschimpfen.
Es kam zum Eklat, als seine Mutter Max bei der Geburt von Lukas im Spital vor Ärzten, Schwestern und Besuchern bezichtigte, Claudia vergewaltigt zu haben. Es hatte einen mörderischen Auftritt gegeben, bei welchem Max zurück gehalten werde musste, damit er nicht auf seine Mutter losging. Seither sprach er mit seiner Mutter kein Wort mehr und auch sein Vater wandte sich nun offen gegen ihn.
Claudia war mit den Kindern die Großeltern nur mehr allein besuchen gegangen.
Nun aber ging Max mit der Selbstverständlichkeit, die sein Vater an den Tag legte, wenn er Max's Wohnung betrat in das Wohnzimmer seiner Eltern. Seine Mutter erhob sich aus dem Sessel, in dem sie saß, verzog ihren Mund voll Abscheu und Max erwartete, dass sie wieder vor ihm ausspuckte, wie sie das meistens tat, wenn sie ihm begegnete. Er hatte sich vorgenommen, sich nicht aufschaukeln zu lassen und sah sich nur wortlos um. Dann öffnete er die Tür zu seines Vaters Arbeitszimmer.
Sein Vater drehte sich erstaunt um, als er das Knarren der Tür vernahm. Er sprang aus seinem Schreibtischstuhl auf und schrie:
"Was hast du hier zu suchen?!"
Doch Max hatte bereits entdeckt, was er hier suchte. Er griff an seinem Vater vorbei und nahm die kleine rote Tragtasche mit den goldenen Herzchen vom Schreibtisch.
"Was fällt dir ein!" schrie sein Vater. "Du kannst doch nicht einfach hier hereinkommen und etwas von meinem Schreibtisch wegnehmen."
Max reagierte nicht. Er hatte es sich vorgenommen und er wollte es durchziehen. Gerade als er sich abwenden wollte, um das Arbeitszimmer genauso wortlos zu verlassen, wie er gekommen war, sah er ein vertrautes rotes Kuvert auf dem Schreibtisch blitzen.
"Es stand mein Name drauf", laberte der Alte aufreizend, der tatsächlich den gleichen Namen trug.
Max spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg, dass es ihm schwindlig wurde. Er griff nach dem Kuvert und musste noch dazu entdecken, dass es geöffnet war.
"Nächte ohne dich, zu einsam sind für mich", höhnte sein Vater.
Max fürchtete, dass die rote Suppe, die in seinem Kopf brodelte, in Kürze überkochen würde. Er atmete schwer, um Dampf abzulassen.
"Wenn du noch einmal meine Post öffnest, oder wegnimmst, lasse ich dich entmündigen und stecke euch beide in eine Anstalt", sagte er gefährlich ruhig. Dann drehte er sich um und ging mit abgezirkelten Schritten wie weiland Frankenstein in das Wohnzimmer zurück.
"Das würde dir so passen. Deiner Hurerei haben wir zu verdanken, dass wir zu Weihnachten unsere Enkelkinder nicht einmal sehen können. Man sollte dich kastrieren, damit du nicht noch mehr Schaden anrichten kannst", schrie sein Vater hinter ihm her und seine Mutter spuckte nun tatsächlich vor ihm aus.
Wie ein Automat ging Max weiter und stieg die Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Er ging schnurstracks in das Zimmer mit dem Sandsack und drosch derart darauf ein, dass dieser fast an die Decke schwang.
Etwas später fand er sich in seinem Fauteuil sitzend vor. Hatte er das Bewusstsein verloren? Oder hatte er das alles überhaupt nur geträumt?
Er sah verwirrt auf das zerknitterte rote Kuvert in seiner geballten Faust.
Er musste Lena bitten, ihm doch keine Post mehr zu schicken. Er hielt das einfach nicht mehr aus.
Nein, er musste Lena überhaupt hier heraus halten.
Das Telefon läutete.
"Wo warst du?" schrie Helmut aufgeregt, "ich rufe dich schon seit Stunden an. Ich habe mich mit Manuela versöhnt, ich kann leider nicht kommen. Du wirst das sicher verstehen."
"Frohe Weihnachten", sagte Max apathisch und legte auf.
Dann rief auch noch Jo an, dass er auf einem >X-Mas-Clubbing< eingeladen sei.
"Komm doch mit, Alter. Jede Menge junger Hasen. Wäre schon an der Zeit für dich, ein bisschen Frischfleisch. Bist ja nicht verwöhnt damit ..."
Diesmal sagte Max gar nichts mehr und legte nur auf.
Er wusste nicht, wie lange er schon in seinem Fauteuil gesessen war, es war stockdunkel, als er aufstand und in die Küche ging. Er holte sich eine Flasche Bier und zappte sich durch die Fernsehprogramme der ganzen Welt. Die Bilder liefen vor seinen Augen ab, als wäre dahinter der Film gerissen. Nicht ein Wort drang zu ihm vor. Der Film, der in seinem Inneren ablief, war ein ganz anderer, aber auch den verstand er absolut nicht.
"Frohe Weihnachten, Max", sagte er, als er komplett angezogen, mit einem zerknitterten Kuvert in der Hand, zu Bett ging.
Als Lena die kleine Kirche betrat, umfing sie intensiver Weihrauchduft. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Der Weihrauch breitete sich langsam in ihr aus und sie fühlte eine ähnliche Umarmung, als wenn sie ihre Wohnung betrat.
Sie öffnete die Augen wieder und sah glücklich um sich. Es war ein kleines, eher schlichtes Gotteshaus, gerade so wie Lena Kirchen so sehr liebte. An der Altarfront drei hohe bunte Glasfenster, vor dem mittleren hing ein großes Kreuz, mit einem ziemlich naturalistisch dargestellten Jesus. Unter dem linken Fenster stand ein Christbaum. Ein weiß gedeckter, den Sitzbänken zugewandter Tisch ersetzte einen aufwendigen Altar. Alles war festlich geschmückt und unzählige Kerzen brannten. Die Luft war etwas neblig vom Weih- und Kerzenrauch.
In einer der Seitenaltar-Nischen war eine große Krippe aufgebaut und Lena suchte sich einen Platz, von dem sie einen schönen Ausblick auf das Jesukind hatte. Sie betrachtete das kleine Gesichtchen liebevoll. Für ihre Begriffe hatte es der unbekannte Künstler ein wenig zu leidvoll angefertigt. Für sie war Jesus die Liebe und sollte bei seiner Geburt durch seinen liebreizenden Anblick Freude und Glück verbreiten, die ihrer Meinung nach Ziel und deshalb Grundlage für jede Hoffnung bildeten. Alles Tragische und Schwere kam doch erst später.
Sie war auf jeden Fall hier, um den Geburtstag der Liebe zu feiern. Und ihre Liebe trug heute ein strahlendes Antlitz.
Vor dem Christbaum begann sich ein Kinderchor zu formieren. Leises Füßescharren und gedämpftes Lachen mischten sich unter das erwartungsvolle Gemurmel.
Es war warm, die Kirche schien geheizt, Lena nahm die Mütze ab und öffnete ihre Daunenjacke. Als der Teddy zum Vorschein kam, stieß der junge Mann neben ihr verblüfft seine Begleiterin an.
Lena lehnte sich behaglich zurück, kraulte dem Teddy den Rücken und spürte, wie das innere Kind den Teddy von der anderen Seite ebenfalls streichelte.
Sie warf einen geübten Blick in ihr Inneres. Ja, genauso hatte sie es erwartet. Das Kind lag in der Mitte des Flusses auf dem Rücken und trieb selbsttragend dahin, die kleinen Füßchen platschten fröhlich in dem warmen Wasser. Der Teddy saß auf dem Bauch des Kindes und wurde von ihm geknuddelt und gestreichelt.
Aber was war das, irgendetwas war anders als sonst?
Es gab keine Ufer! Es gab keinen Horizont!
Es gab nur endlose Weite. Lena spürte, wie sich die Ewigkeit in ihr ausbreitete, die Begrenzungen ihres Körpers weg schmolzen und es kein Innen und Außen mehr gab. Im Jetzt der Unendlichkeit bestand sie nur mehr aus endlosem, unbeschreiblichem, weil unfassbarem Glücksgefühl.
Ein Harmonium stimmte eine vertraute Melodie an und Lena kehrte in ihr weltliches Glück zurück.
Die Kinder begannen zu singen. Mit großem Vergnügen betrachtete sie die eifrigen Gesichter. Es schien ihr, als schaue sie in einen Spiegel. Auch ihr Gesicht musste so aussehen, denn alles an und in ihr sang ebenfalls Weihnachtslieder und sie musste sich genauso auf den Text konzentrieren, wie ihre kleinen Kameraden. Sie warf einen Blick auf ihren Nachbarn, dessen verstohlene Blicke ihr nicht verborgen geblieben waren. Hoffentlich hörte er nicht, wie falsch ihr Kind, trotz großer Begeisterung leider sang. Es würde ihn sicher noch weiter beunruhigen. Er beschäftigte sich aber intensiv mit der Hand seiner Freundin und Lena lächelte verständnisvoll und blickte diskret wieder weg.
Ihr Blick streifte dabei das Kindchen in der Krippe und sprang bestürzt zurück.
Es hatte ihr zugezwinkert! Das Jesukind hatte ihr zugezwinkert!
Lena starrte den Heiland verdattert an. Er rollte die Äuglein vorsichtig nach rechts und links und nickte ihr dann auffordernd zu.
"Was willst du?" wisperte Lena.
"Lass mich den Teddy einmal streicheln, bitte!" flüsterte der kleine Jesus zurück.
Aber ja natürlich, dem Kleinen ging es wie ihr. Weit und breit kein Kuscheltier. Ganz allein lag er in seiner Krippe. Wichtig standen die Erwachsenen um ihn herum. Alle miteinander schienen vor Überwältigung überhaupt nicht auf die Idee zu kommen, dass so einem Winzling nach kuscheln sein konnte. Weihrauch brachten sie ihm, Myrrhe und Gold! Die Engel, die über dem Ganzen herumschwirrten, waren prächtig anzusehen, aber Heimeliges hatten auch sie nichts an sich.
Lena war wieder einmal äußerst glücklich über ihre spirituellen Möglichkeiten. Wofür man die nicht alles brauchen konnte! Sie blinzelte dem Herrgottskind zu und hops! schon war der Teddy in der Reichweite der kleinen Händchen.
Ganz warm wurde der Teddy unter dem seligen Streicheln des kleinen Herrn. Seine Wärme übertrug sich auf Lena, wieder spürte sie das Schmelzen ihrer Körpergrenzen. Auch Lenas Nachbar schien davon betroffen zu sein. Er wandte sich ihr unvermittelt zu und schüttelte ihr die Hand.
Oh, so weit waren sie schon in der Liturgie?
Lena straffte ihre Schultern und zog den Teddy wieder nah an sich, damit er nicht von ihren Knien rutschte.
"Kommst du wieder?" flüsterte der kleine Mann in ihrem Ohr. Sie nickte und lächelte zärtlich zu ihm hin, doch er hatte die Augen bereits wieder geschlossen.
Bildete sie sich das ein, oder lag nun ein winziges Lächeln auf seinem Gesicht?
Als Lena am nächsten Vormittag zu ihrem ersten Winterspaziergang aufbrach, entdeckte sie in der Halle des Hotels einen Souvenirstand, an dem es Schlüsselanhänger mit winzigen Teddybären zu kaufen gab. In ihren Augen blitzte es übermütig auf, sofort kaufte sie einen, löste den Teddy von dem Schlüsselring und machte sich auf den Weg zur Kirche.
Das Gotteshaus duftete immer noch nach Tannenreisig und Weihrauch, das Licht das durch die bunten Fenster hereinfiel war etwas diffus. Lena gab sich wieder der Umarmung dieser wundersamen Stimmung hin, alle Spannung fiel von ihr ab, selbst ihre aufgeregte Fröhlichkeit beruhigte sich zu stiller Freude.
Sie blickte forschend um sich. Nein, nein, sie war allein.
Langsam ging sie auf die Krippe zu.
"Herr, ich habe dir etwas mitgebracht", flüsterte sie und setzte den kleinen Teddybären neben die Krippe. Vergnügt betrachtete sie ihr Werk. Ja, so konnte er ihn schon erreichen, wenn ihm danach war.
"Ich danke dir für alles", seufzte sie glücklich und nickte einige Male bekräftigend.
Ein verschmitztes Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie wieder zum Ausgang ging und zeigte sich immer wieder auf ihrem Gesicht, wenn sie an den kleinen kindischen Streich dachte. Sie fühlte sich im Einklang mit allen Kindern dieser Welt.