Lena und Theres seufzten erleichtert. Schlagartig hatte am Morgen der Kundenstrom eingesetzt und bis vor fünf Minuten war er nicht mehr abgerissen. Die Hektik war enorm gewesen. Alle glaubten, sie müssten in letzter Sekunde noch all das ergattern, was sie in den Wochen vorher vergessen hatten. Jedes Jahr war es der gleiche Ablauf. Genauso plötzlich, wie der Spuk am Morgen begann, hörte er zu Mittag auf.
Theres warf einen Blick auf die Uhr, eine Viertelstunde hatten sie laut Aufschrift an der Tür noch offen.
"Kann ich schon mit dem Staubsaugen beginnen?" fragte sie ihre Chefin.
"Ja, ja natürlich. Ich will auch pünktlich weg. Ich möchte mich nicht auf den Semmering hetzen. Noch dazu, wo sie Schneefall angesagt haben."
Lena nahm das Geld aus der Kasse und ging ins Büro, sie wollte einstweilen alles für den Nachttresor vorbereiten, damit es dann nur ja schnell ging.
Das Telefon klingelte und Lena zuckte zusammen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie sich meldete.
"Wie lange haben Sie denn heute offen", fragte eine Frauenstimme. Lenas Herz sank bis in die Knie.
"Wir haben schon geschlossen", antwortete sie knapp, "Frohe Weihnachten!" und legte auf.
Wenigstens der Umsatz war höchst erfreulich. Das Weihnachtsgeschäft war im Gesamten zum Glück so gut verlaufen, dass endlich finanzielle Entspannung eingetreten war. Auf das Jahr umgerechnet, hatten sie es wieder einmal geschafft, obwohl es während des Jahres einige Male höchst bedrohlich ausgesehen hatte.
Also Lena, nur nicht unzufrieden sein.
Er müsste ihr Geschenk doch schon bekommen haben. Typisch, dass er sich nicht meldete.
Typisch? Lena, bitte! Reagiert hatte er noch immer.
Wahrscheinlich war er nicht im Geschäft gewesen. Er hatte im Dezember eine Aushilfe, weil sie sanitäre Geschenksartikel verkauften. Man sollte ja nicht glauben, was die Leute zu Weihnachten so alles schenkten, vergoldete Klobürstenhalter zum Beispiel, oder muschelförmige Seifenschalen.
Tja, wenn er später anrufen würde, wäre sie halt nicht mehr da und sie müssten, ohne noch einmal miteinander gesprochen zu haben, ihre Weihnachten feiern.
Das wäre aber doch typisch ...
Die Ladenglocke klingelte und Lena verzog unwillig das Gesicht. Na, jetzt brauchten sie aber wirklich keinen mehr. Sie war eine absolut kundenfreundliche Verkäuferin, aber die nervten sie allemal, die am Heiligen Abend in allerletzter Sekunde hereinschneiten und dann womöglich auch noch beleidigt waren, weil sie das nicht mehr bekamen, was sie unbedingt noch brauchten.
Theres stellte den Staubsauger ab und trat ins Büro.
"Du hast Besuch" sagte sie und versuchte Lena etwas mit den Augen zu deuten.
Doch es war schon zu spät. Hinter Theres tauchte Max in der Bürotür auf und Lena rutschte der Kiefer hinunter und die Nachttresortasche aus der Hand.
Theres huschte hinaus und der Staubsauger holte Lena wieder in die Wirklichkeit zurück.
"Willst du Kaffee?" fragte sie und begann hektisch mit der Kaffeemaschine zu hantieren.
"Wenn du noch Zeit hast", grinste Max.
"Setz dich doch" forderte sie ihn auf und schob ihm ihren Drehsessel zu. Wenn zwei in dem winzigen Büro herum standen, wurde es sehr eng.
Dann wischte sie mit einem Tuch auf ihrem Schreibtisch herum, warf dabei den Stehkalender um, den Telefonhörer neben die Gabel und die Nachttresortasche noch einmal hinunter.
Er setzte sich, stellte ein Paket neben sich auf den Fußboden, nahm ihr das Tuch aus der Hand und zog sie auf seinen Schoß.
Sportler hin, Sportler her, es werden ihm die Knie abfallen, dachte Lena noch, und versuchte, ihr Gewicht ausgleichend zu verlagern, dann konnte sie plötzlich nichts mehr denken.
Der Staubsauger verstummte und Lena sprang auf. Wieder begann sie fahrig mit der Kaffeemaschine herumzufuhrwerken, stellte die Schalen klappernd auf die Untertassen und schob sie hin und her, Zuckerdose, Milchkännchen und - ja, schon lag das Milchkännchen auf dem Boden. Es schien Qualitätsware zu sein, denn es zerbrach nicht, aber die Milch war verschüttet und es war die letzte, die sie hatten.
"Ich trinke meinen Kaffee sowieso am liebsten schwarz", schmunzelte Max.
Theres drängte sich an ihnen vorbei, um den Staubsauger wegzuräumen, dann wischte sie die Milch auf. Lena stand, als wäre sie behindert. Körperlich oder geistig, sie konnte sich nicht entscheiden.
"Ich ziehe mich draußen an", sagte Theres verständig und holte ihre Sachen aus dem Schrank.
"Nein, nein", widersprach Max charmant, "ich warte gerne" und verließ das Büro.
Lena ließ sich in den Sessel fallen und sah Theres Hilfe suchend an. Die blies mit Kennermiene ein wenig Luft durch die fast geschlossenen Lippen und machte ihr mit der Hand ein Okay-Zeichen.
"Ruf mich dann noch an", flüsterte sie Lena zu.
"So haben wir uns zu Weihnachten auch noch nie verabschiedet", jammerte Lena verwirrt.
"Nicht so wichtig. Wir haben ja noch einige vor uns", tuschelte Theres, küsste Lena und spuckte ihr über die linke Schulter.

"Habe ich dich wirklich so sehr überrascht?" fragte Max beim Hereinkommen und es klang ganz schön kokett.
"Gelungen", japste Lena.
Er setzte sich wieder, Lena zog sich den Treppenhocker neben ihn und Max nahm einen Schluck Kaffee. Sie sprachen kein Wort, sahen einander nur in die Augen. Lena hätte ihre Tasse schlucken können, so weggetreten war sie. Er nahm sie bei der Hand und begann, mit ihren Fingern zu spielen. Dann zog er sie an seine Lippen und küsste jeden Finger einzeln. Der Duft einer mediterranen Nacht stieg in Lenas Nase. Sie seufzte und schloss die Augen. Tiefviolett erblühte die Bougainvillea hinter ihrem Blick.
Weihnachten auf Ischia, so schnell konnte das gehen.
Sie spürte seine Lippen auf ihrem Mund, ein mit Zitronenduft getränkter Wattebausch legte sich auf ihre Nase und narkotisierte weite Teile ihres Körpers, vornehmlich des Gehirns.
Das tiefe Violett verwandelte sich in purpurrote Arabesken. Sie spürte, wie er sie in die Höhe zog und auf ihren Schreibtisch schob, aber sie war unfähig, die Augen wieder zu öffnen. Das Farbenspiel, das hinter ihren Lidern ablief und sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete, ließ sie nicht aus seinem Bann.
Wahrscheinlich gab es Menschen, die dafür sehr viel Geld ausgaben, um in einen solchen Farbenrausch zu gelangen, flüsterte sich Lena selbst ins Ohr, was sie mit umso größerer Verwunderung erfüllte, weil sie spürte, dass sich gerade etwas feuchtes, warmes ebenfalls ihren Gehörgang entlang schob, um weitere Farben in ihren Kopf zu schleudern.
Die Farben vermengten sich und bildeten ineinander fließende Wellen. Auf und nieder trugen sie Lena, immer höher, bis in den Himmel, doch plötzlich zerfloss dieser in wilden Farbspiralen, die Lena rasend schnell, trudelnd in die Tiefe rissen. Sie öffnete die Lippen, wollte schreien, doch die Farben drangen ihr nun auch in den Mund und vermischten sich zu einem rotgoldenen Feuerball, auf dem sie aus der Tiefe in die Unendlichkeit ritt.
"Maaaaaaaa-x!" hörte sie das herangaloppierende, bisher nie gesehene Regenbogentier brüllen (seltsamerweise wurde von grellbunt explodierenden Feuerwerkskörpern "Leeeeeeeen-a!" als Echo zurück geschleudert), und sie verglühte beinahe in ihrer Furcht um Max. Sie wollte ihm zu Hilfe eilen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Irgendetwas hielt sie wie ein Schraubstock umfangen. Sie erstarrte vor Schreck und trat wie ein Meteor wieder in die Hemisphäre ein.
Sie öffnete die Augen und schloss sie gleich wieder vor dem Blick, mit welchem Max durch sie hindurch sah.
Sein Blick war so nackt gewesen, wie Lena niemals geglaubt hätte, das etwas derart nackt sein konnte. Und diese Nacktheit entblößte eine Angst, deren Horizonte in Max's Augen nicht mehr erkennbar waren. Sie fraß Löcher ins Universum und sprang sofort an Lenas Kehle. Lena würgte und rang nach Luft.
"Es wäre der richtige Zeitpunkt zum Sterben gewesen. Ich habe so etwas noch nie erlebt und werde es nie wieder erleben können", stieß er hervor.
Lena hörte nur Buchstaben, die sie nicht in die richtige Reihenfolge bringen konnte, aber sie war glücklich, dass das Regenbogentier, das Max scheinbar ebenso geängstigt hatte wie sie, ihn nicht gefressen hatte. Sein Blick war nun bereits wieder bekleidet, wenn auch nicht sehr züchtig, sondern mit sinnlicher Verblüffung, und das Universum war nur mehr ein Wort.
"Du bist die wunderbarste Unerotische, die es auf der Welt geben kann", feixte Max und Lena klapperte mit den Augendeckeln, als wäre sie Dornröschen beim Erwachen.
"Frohe Weihnachten!" sagte sie dann und versuchte festzustellen, ob sie noch alles an sich in Gebrauch nehmen konnte. Au weh, au weh!
"Frohe Weihnachten!" grinste Max und ließ Lena vorsichtig los. Auch er verzog schmerzvoll das Gesicht.
"Alte Menschen und Sex", brummte Lena. Ihr Blick glitt von dem behutsam zurück tretenden Max an ihnen Beiden hinunter. Gab es etwas Lächerlicheres auf der Welt als Menschen mit heruntergelassenen Hosen?
Lena begann hysterisch zu lachen und wusste genau, wie das Gespenst ausgesehen hatte, das sie damit vertreiben wollte.

"Wirst du den Abend bei deiner Familie verbringen?" fragte Max beiläufig.
"Ich fahre zu meinem Vater auf den Semmering. Meine Eltern sind ja auch geschieden, schon seit fast fünfzig Jahren. Und diesmal schien es mir für mich besser, ohne Christbaum zu feiern, der mir zu nahe am Wasser aufgestellt schien, sondern einmal ohne Hokuspokus im Wellness-Hotel", antwortete Lena und sah dabei zu Boden.
"Lena! Ich glaube, ich habe mich wieder einmal wie ein Elefant benommen, gell?" Er nahm sie bei der Hand.
Lena schüttelte nur stumm den Kopf, denn der Wasserstand stieg bereits wieder einmal gefährlich nahe an die Überschwemmungsmarke.
"Und du? Klappt das mit deinen Kindern heute?" fragte Lena leise und nahm einen Schluck von dem Kaffee.
Kalt, schwarz und bitter. Wenn kalter Kaffee angeblich schön machen sollte, wurde man dann von diesem besonders schön?
"Nein", antwortete Max hölzern. "Ich hätte es mir denken können. Sie hat mich bis gestern damit hingehalten. Aber sie fahren zu ihren Eltern, das wird für Lukas dann nicht ganz so schlimm."
"Max!" Lena legte ihm zärtlich die Hand auf den Arm. "Willst du am Abend zu mir kommen? Wir können es uns richtig gemütlich machen, das ist überhaupt kein Problem. Ich muss ja wohl nicht kochen, oder?"
Jetzt schüttelte er nur stumm den Kopf, seine Augen waren groß und dunkel vor Zärtlichkeit.
"Bitte! Ich kann meinen Vater anrufen, dass ich erst morgen komme. Du würdest mir eine große Freude damit machen."
"Fahr du nur auf den Semmering. Ich habe Helmut versprochen, dass er zu mir kommen kann. Manuela hat ihn schon wieder vor die Tür gesetzt. Und wahrscheinlich kommt dann auch Jo. Weihnacht der verlassenen Männer!" versuchte er zu grinsen.
Lena presste die Lippen aufeinander.
"Hast du mein Päckchen noch bekommen, bevor du weggefahren bist?" fragte sie ablenkend.
"Welches Päckchen? Oh. Ich hätte es mir denken können. Wie dumm von mir. Aber ich komme nicht von zu Hause, ich hatte noch eine dringende Besorgung."
Er grinste und griff unter sich, wo er das mitgebrachte Paket abgestellt hatte. Auf der einen Seite war es etwas ramponiert, offenbar war er etwas früher drauf gestiegen.
Er stellte es vor Lena auf den Schreibtisch.
"Das Christkind hat auch für dich etwas bei mir abgegeben", schmunzelte er.
Lena hielt den Atem an. Sie brachte kein Wort heraus. Von allen Seiten ihres Körpers stieg gleichzeitig Gänsehaut auf und prallte in ihrem Magen so heftig zusammen, dass dieser ein Looping drehte und dann noch einige Male hin und her schwang.
Er nahm das Paket lächelnd wieder vom Schreibtisch und stellte es der sprachlosen Lena auf die Knie. Mit automatisierten Bewegungen löste Lena die Schleife und zog langsam das Papier herunter. Auf der Schachtel prangte das Bild einer Backofenform mit Deckel und Lena spürte, wie ihr Lachen endlich wieder hoch drängte und die Verlegenheit fortspülte.
Vergnügt sah sie Max an.
Das Backgeschirr, das den größten Kultstatus aller Zeiten erreichen würde. Wahrscheinlich würde sie es auf ihren Raumteiler stellen, damit sie die Backschüssel immer vor Augen hatte und sie an diese wunderbaren Weihnachten erinnern würde, als Max ihr ein erstes Geschenk machte.
Max's Gesicht strahlte in kindlichem Eifer. Gespannt sah er auf ihre Hände und Lena fühlte sich davon aufgefordert, auch noch die Schachtel zu öffnen. Es schien ein ganz besonders tolles Stück zu sein, so leicht wie es war, wahrscheinlich aus weltraumtauglichen Material.
Lena grinste wieder.
Ein mittelbraunes Plüschohr ließ sie das Paket beinahe fallen lassen. Vorsichtig zog sie daran und ganz langsam kam der schönste Teddybär zum Vorschein, den Lena jemals gesehen hatte.
"Der einzige, mit dem ich deine Streichelkontingente teilen will", sagte Max auch noch verheißungsvoll und damit war es um Lenas Fassung geschehen.
Die Tränen schossen ihr beinahe waagrecht aus den Augen, sie schluchzte, verschluckte sich und brach in hysterisches Husten aus. Sie sprang auf, hielt zuerst ein Handtuch unter das kalte Wasser und klatschte es sich an den Kopf, und dann die Handgelenke, weil ihr Puls verrückt spielte.
Dann stürzte sie sich derart ungestüm auf den armen Max, dass dieser beinahe vom Stuhl fiel.
Sie sah ihn zärtlich an und betete augenblicklich darum, niemals in ihrem Leben diesen Blick von ihm zu vergessen, diese Freude, die seine Augen vor Glück ganz hellgrau werden ließ. Und sämtliche Gespenster der Welt und des Universums versanken in ihrem glücklichen Lachen und in den vielen kleinen Kinderküssen, die sie zwischen Max und dem Teddy aufteilte.

"Willst du es dir nicht doch überlegen?" fragte Lena noch einmal, als sie die Tür aufsperrte. "Es wäre wirklich kein Problem, erst morgen auf den Semmering zu fahren."
"Nein", lächelte Max und Lena wurde von der Traurigkeit abgelenkt, die sie plötzlich empfand. Es schien eigenartigerweise nicht ihre eigene zu sein. Seltsam.
"Ich kann Helmut nicht allein lassen. Mir selber ist ja Weihnachten nicht so wichtig, aber er lebt schon tagelang in Angst und Schrecken vor einem möglichen Heiligen Abend ohne Manuela. Und prompt ..."

Sie hatten die letzte Stunde damit verbracht, Händchen haltend nebeneinander in ihrem Büro zu sitzen und Max hatte aus seinem Alltag berichtet.
Nein, er hatte noch keine Zeit gehabt, sich ein neues Türschloss machen zu lassen.
Nein, in der Firma würde er sowieso keines machen lassen können, weil sein Vater ja doch im Geschäft aushalf, wenn Max außerhalb beschäftigt war.
Dafür hatte er aber die Möbel seiner Eltern nun wenigstens alle in einem einzigen Zimmer zusammen geschoben.
Nein, die Büroarbeit hatte er noch immer nicht in Angriff nehmen können. Den Buchhaltungs-Kurs hatte er auch abbrechen müssen, weil er zu viel im Kopf hatte und nicht mitkam. Im Februar würde er noch einmal damit beginnen.
Ja, Claudia rief immer noch an und verfügte über seine Zeit, die er mit den Kindern verbringen sollte. Aber er konnte doch seine Kinder nicht allein irgendwo auf der Straße stehen lassen. Der Kleine stellte ihm sowieso die seltsamsten Fragen, ob er denn nun gar nicht mehr sein Papa sei und wieso er ihn denn verlassen hatte, wenn doch Bernie immer bei ihm sein dürfe, wenn dieser nur wollte. Lukas wollte auch.
Er versuchte, dem Kleinen zu erklären, dass er als Vater nur nicht mehr mit ihm in einem Haus wohnte, aber immer für ihn da sei. Wenn er nun aber nicht da war?
Lena versuchte ihrerseits, Max zu erklären, dass es dabei gar nicht um die Kinder ging, sondern ein Machtspiel zwischen Claudia und ihm ablief, in welchem er doch auch etwas Verantwortung auf Claudia übertragen müsse.
"Du kennst sie nicht, sie hat sich nie um die Kinder gekümmert und jetzt tut sie es sicher noch weniger."
"Kümmere du dich lieber um deine Kinder, als um Claudia und was sie tut!" rief Lena und sah, dass Max zusammen zuckte. Sie streichelte mit der freien Hand wieder über seinen Arm.
"Ich meine, es wäre beispielsweise auch dafür sehr gut wenn du dir endlich ein Handy anschaffen würdest. Ich kenne mich da nicht so gut aus, aber soviel ich weiß, kriegt man die jetzt sowieso schon gratis, wenn man einen Jahresvertrag abschließt. Dann gibst du dem Kleinen deine Telefonnummer und schärfst ihm ein, dass er dich immer anrufen kann. Nicht nur, wenn du ihn wo abholen sollst, sondern auch, um einfach mit dir plaudern zu können. Kauf ihm eventuell ein Wertkartenhandy, das kostet nicht die Welt, zeigt ihm aber, wie ernst es dir damit ist und Claudia kann seine Telefonate nicht aus Kostengründen ablehnen." Sie streichelte den Teddy, um dessen Anschaffungspreis man sicher mindestens ein Handy bekommen hätte und sah ihn verlegen an. "Wie gesagt, ich borge es dir auch gerne. Mein Weihnachtsgeschäft war sehr gut, ich kann es mir im Moment leisten", grinste sie spöttisch.
"Sprich mit Lukas darüber, was er tut, was er denkt, mit wem er spielt und was er spielt, anstatt ihm erklären zu wollen, was zwischen dir und Claudia abläuft und warum die Familiensituation nun anders ausschaut. Du musst versuchen, nah an ihm dran zu bleiben, an seinen Gedanken, Ängsten und Sorgen, nicht ihm deine auch noch aufladen. Mit Erklärungen ist da nichts zu bewerkstelligen."
Max sah sie aufmerksam an und begann langsam zu nicken.
"Das erscheint mir logisch. Wieso weißt du das so gut, du hast doch gar keine Kinder?"
Sollte sie ihm sagen, dass er mit ihr in der gleichen Form umging, wie mit seinem Jüngsten? Dass er ihr auch immer nur sagte, dass er ihr nicht wehtun wollte und ihr dann tagelang eine nach der anderen verpasste?
Wie sollte der Fünfjährige damit zurecht kommen, wenn es ihr doch auch nicht gelang? Wie sollte der Kleine verstehen, dass der Vater dauernd sagte, er sei immer für ihn da, damit aber nur meinte, wenn er wo abzuholen war?
Sie schüttelte leicht den Kopf.
"Wir sprechen nach den Feiertagen in Ruhe darüber, ja? Jetzt ist nicht genug Zeit dafür. Du kannst ja einstweilen über das Prinzip nachdenken", lächelte sie und streichelte den Teddybären auf ihrem Schoß zärtlich. Max drückte ihre Hand und schüttelte leicht den Kopf.
"Was bist du nur für eine wunderbare Frau. Glücklich der Mann, der dich einmal bekommt."
Lena riss die Augen auf. Max schüttelte noch immer verwundert den Kopf.
"Wie ich schon einmal sagte, wo haben die Männer bloß ihre Augen und ihr Gefühl?"
"M-max!" stotterte Lena tonlos. Doch dieser sprach bereits weiter.
"Aber ich brauche mir ja nur die in meinem Umfeld ansehen. Diesen Vollkoffer von Helmut. Hundertmal habe ich ihm schon gesagt, was er tun soll. Aber nein, jedes Mal rennt er wieder hin, wenn diese Tussi nur mit dem kleinen Finger winkt. Oder Jo. Brät an, was nur zwei Beine unter einem Rock hat. Um als neue Partnerin für ihn in Frage zu kommen, muss eine Frau aber in erster Linie so jung und schön sein, dass seine Ex beinahe der Schlag trifft. Und Richard, der vor einer Frau, wie du eine bist, überhaupt Angst hat und lieber mit seiner Alten wortlos vor der Glotze hockt?"
Wieso hatte Richard Angst vor ihr?
"Dem Karl wiederum macht sein eigener Schwanz so viel Angst, dass er sich täglich einen ansaufen muss. Schön langsam verstehe ich, was du mir damals von den Männern erzählt hast."
"Und du?" fragte Lena leise.
"Ich habe keine Angst! Weder vor meinem Schwanz noch vor dir. Und andere Frauen interessieren mich sowieso nicht." Lena fühlte sich wie im Wechselbad. Wusste der Mann denn auch nur ansatzweise, was er da so von sich gab? Aber auch um dieses Gespräch weiter zu führen, war wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Sie streichelte von neuem ihren Teddybären und spielte mit seinen Ohren.
"Jetzt bin aber wieder ich dran!" grinste Max. "Soweit darf es nicht kommen, dass der nun alles kriegt.
Aber da hast du schon geschaut, mit dem hast du nicht gerechnet?" fragte er dann Beifall heischend, wie schon mehrmals an diesem Nachmittag.
Sein Gesicht wurde dabei wieder strahlend vor Freude und wie die Kinder saßen sie Händchen haltend nebeneinander, Lena hielt den Teddy auf dem Schoß und sie streichelten ihm abwechselnd über das weiche Fell, stupsten ihn an der Nase oder knuddelten mit seinen Ohren herum.
Aber die Zeit war leider nicht stehen geblieben.

"Max", sagte Lena leise. "Ich danke dir für diese wunderbare Überraschung. Du hast mir die schönsten Weihnachten meines Lebens beschert und ich werde den Abend in Gedanken an dich verbringen. Vielleicht können unsere Gedanken einander treffen?"
Max lächelte nur stumm, dann zog er Lena an sich und küsste sie noch einmal stürmisch. Wie damals in Ischia riss er sich von ihr los und stürmte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Lena sah ihm Stirn runzelnd nach.
Raus aus der Dramatik, befahl sie sich dann selbst, drehte sich um und ging in ihr Büro zurück. Dort saß auf ihrem Schreibtischstuhl der neue Chef des Hauses. Lena setzte sich, nahm ihn wieder auf die Knie und zeigte ihn ihrem Kind. Und dieses juchzte und begann sofort mit ihm zu kuscheln.

Max setzte sich in sein Auto, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, startete aber noch nicht.
Er atmete ein paar Mal tief ein und aus.
Ach, wie gerne hätte er den heutigen Abend mit Lena verbracht. Wenn er an die kuschelige kleine Wohnung dachte, in der es so gemütlich war und in der immer alle Anspannung von ihm abfiel. Nichts von all dem Dreck der Welt hätte ihn dort einholen können.
Höchstwahrscheinlich hätte sie schneeweiße Dessous getragen, weil das für sie vermutlich zu einem richtigen Christkindl gehörte. Sein Anblick aber würde Helmut in Jeans und einem mindestens drei Tage alten T-Shirt sein.
Er sollte nicht so egoistisch sein!
Für sie war es sicher besser, sie fuhr weg und ließ sich in diesem Super-Hotel verwöhnen. Er konnte ihr doch nicht zumuten, dass sie hier blieb, um ihm das Händchen zu halten. Er wäre sicher kein angenehmer Partner für diesen Weihnachtsabend gewesen, spürte er doch schon seit Tagen, wie diese furchtbare Unruhe in ihm nagte, wenn er an Bernie und Lukas dachte.
Er hatte Helmut deshalb sofort zugesagt, weil er sich sehr wohl davor fürchtete, am heutigen Abend allein zu sein, auch wenn er vorher etwas ganz anderes zu Lena gesagt hatte. Er dachte auch, dass dies genau das Richtige für ihn sei. Die zwei anderen waren ja genau so beschissen dran wie er und würden ihn deshalb ein wenig von seinem eigenen Mist ablenken. Es erschien ihm alles plausibel. Sie würde zu ihrer Familie gehen und er würde sich mit den beiden einen anzwitschern.
Es war wirklich besser so. Er sollte Lena nicht als Krücke verwenden, das hatte sie nicht verdient.
Warum nur hatte er nicht wenigstens versucht, Helmut abzusagen? Helmut war ein armer Hund, keine Frage, aber andererseits wie kam er, Max, dazu, sich mit den zwei Einsamen der Nacht herumzuplagen, wenn er doch zu einer wunderbaren Frau hätte gehen können? Helmut und Jo hätten einander doch auch allein irgendwo gegenseitig anjammern können.
Diese Frau wurde wirklich gefährlich. Sie riss ihm ständig das Hirn heraus. Er ertappte sich andauernd, wie er in ihrer Gegenwart Wünsche verspürte, die er sonst nicht kannte und wie er Reaktionen setzte, die er so nicht wollte.
Jetzt war er unzufrieden, vor seinem Besuch bei ihr war seine Welt in Ordnung gewesen.
Er startete nun doch und fuhr langsam an ihrem Geschäft vorbei. Er sah sie drinnen noch als Schatten herumgeistern. Sollte er noch einmal anklopfen und ...?
Er stieg aufs Gas. Nein, er musste es sich abgewöhnen, sich nach Lena zu sehnen, bevor er den letzten Rest seines Verstandes verlor.
Aber ein Wahnsinn war sie. Gut, das was sie heute geliefert hatte, war beinahe zu viel gewesen. Niemals zuvor hatte er sich in dieser Form gehen lassen müssen. Auf einmal hatte sie ihn mit sich weggerissen und er hatte nichts, aber auch schon gar nichts dagegen tun können.
Aber, tausend Teufel! Es war eine Nummer zum Danach-nur-mehr-sterben gewesen.
Wenigstens auf diesem Gebiet konnte er ihr etwas bieten. Da musste nicht sie ihm erzählen, wo es lang ging.
Er grinste.
Hier konnte er sicher mit wesentlich jüngeren noch mithalten. Er tätschelte ein paar Mal mit der Hand seinen Schritt.
Aber auch das hatte er ihr zu verdanken. Die Jahre mit Claudia hatten ihm nichts als Zweifel beschert. Die Abartigkeit, mit der sie ihn belegen wollte, hatte ihm zwar seine Erektionen nicht nehmen können, jedoch sein sexuelles Selbstvertrauen empfindlich gestört.
Die Überraschung mit dem Teddy schien ihm ebenfalls gelungen. Er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals an jemandem eine derart große Freude miterleben durfte. Nicht einmal seine Kinder in den ersten Jahren hatte das Christkind so beglückt. So machte das Schenken Spaß.
Ach Lena! Irgendwie bringst du immer nur Gutes in mein Leben, dachte er. Und wahrscheinlich schaffe ich es deshalb einfach nicht, mich endlich von dir fernzuhalten. Dabei wäre es hoch an der Zeit, mich beizeiten aus deinem Leben zurück zu ziehen, bevor du den Sumpf erblickst, in welchem ich zu Hause bin. Und nach deinen eigenen Worten, deshalb selber nie sauber werden kann.

Aha, der heutige Umsatz war gar nicht so schlecht gewesen. Gut so, der Teddy hatte schon ein ordentliches Loch in sein Budget gerissen. Vielleicht konnte er da wirklich noch für Lukas ein Handy kaufen. Obwohl, dann würde natürlich Bernie auch eines wollen. Lena stellte sich das schon immer viel einfacher vor, als es dann tatsächlich war. Ihr Leben verlief so viel unkomplizierter.
Ja, und wo war nun Lenas Paket? Er sah sich suchend um. Nichts.
Er lief in die Wohnung hinauf. Nichts.
Aber das gab es doch nicht. Wenn Lena sagte, sie hätte mit dem Botendienst ein Paket geschickt, dann hatte sie es auch getan.
Dass der Bote zu spät gekommen war?
Aber als er zu Lena kam, war das Paket schon weg gewesen. Sie hatte es sicher zeitgerecht aufgegeben.
Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihm hoch und er musste sich setzen, weil ihn die aufsteigende Welle von Wut sonst einfach umgeworfen hätte. Er wartete bis sie einigermaßen verebbt war, dann ging er mit hölzernen Schritten einen Stock tiefer.
Jahrelang war er nicht mehr in der Wohnung seiner Eltern gewesen.
Max hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt, weil sie ihn schon als kleines Kind dauernd irgendwelcher Taten bezichtigte, die er nie begangen hatte. Ab der Pubertät und mit dem Auftreten der ersten Freundin bezogen sich ihre Anschuldigungen dann fast ausschließlich auf seine Sexualität. Sein Vater versuchte immer, zwischen ihm und der Mutter zu vermitteln, indem er Max zu erklären versuchte, dass sie in ihrer Kindheit furchtbare Erlebnisse hinter sich bringen musste und deshalb >ein wenig seltsam< war.
Als Max Claudia nach Hause brachte, was er erst tat, als sie beschlossen hatten, zu heiraten, wurde kurzzeitig alles besser. Die beiden Frauen verstanden einander auf Anhieb recht gut und in seiner Verliebtheit war er vor Glück geblendet von dem guten Einfluss, den Claudia offenbar auf seine Mutter ausübte. Nach dem Vorfall mit Bernhard wurde Max's Sexualität und angebliche Brutalität nicht nur zum Thema zwischen seiner Frau und ihm, sondern zum vorrangigen Auslöser für seine Mutter, ihn wieder dauernd zu beschimpfen.
Es kam zum Eklat, als seine Mutter Max bei der Geburt von Lukas im Spital vor Ärzten, Schwestern und Besuchern bezichtigte, Claudia vergewaltigt zu haben. Es hatte einen mörderischen Auftritt gegeben, bei welchem Max zurück gehalten werde musste, damit er nicht auf seine Mutter losging. Seither sprach er mit seiner Mutter kein Wort mehr und auch sein Vater wandte sich nun offen gegen ihn.
Claudia war mit den Kindern die Großeltern nur mehr allein besuchen gegangen.
Nun aber ging Max mit der Selbstverständlichkeit, die sein Vater an den Tag legte, wenn er Max's Wohnung betrat in das Wohnzimmer seiner Eltern. Seine Mutter erhob sich aus dem Sessel, in dem sie saß, verzog ihren Mund voll Abscheu und Max erwartete, dass sie wieder vor ihm ausspuckte, wie sie das meistens tat, wenn sie ihm begegnete. Er hatte sich vorgenommen, sich nicht aufschaukeln zu lassen und sah sich nur wortlos um. Dann öffnete er die Tür zu seines Vaters Arbeitszimmer.
Sein Vater drehte sich erstaunt um, als er das Knarren der Tür vernahm. Er sprang aus seinem Schreibtischstuhl auf und schrie:
"Was hast du hier zu suchen?!"
Doch Max hatte bereits entdeckt, was er hier suchte. Er griff an seinem Vater vorbei und nahm die kleine rote Tragtasche mit den goldenen Herzchen vom Schreibtisch.
"Was fällt dir ein!" schrie sein Vater. "Du kannst doch nicht einfach hier hereinkommen und etwas von meinem Schreibtisch wegnehmen."
Max reagierte nicht. Er hatte es sich vorgenommen und er wollte es durchziehen. Gerade als er sich abwenden wollte, um das Arbeitszimmer genauso wortlos zu verlassen, wie er gekommen war, sah er ein vertrautes rotes Kuvert auf dem Schreibtisch blitzen.
"Es stand mein Name drauf", laberte der Alte aufreizend, der tatsächlich den gleichen Namen trug.
Max spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg, dass es ihm schwindlig wurde. Er griff nach dem Kuvert und musste noch dazu entdecken, dass es geöffnet war.
"Nächte ohne dich, zu einsam sind für mich", höhnte sein Vater.
Max fürchtete, dass die rote Suppe, die in seinem Kopf brodelte, in Kürze überkochen würde. Er atmete schwer, um Dampf abzulassen.
"Wenn du noch einmal meine Post öffnest, oder wegnimmst, lasse ich dich entmündigen und stecke euch beide in eine Anstalt", sagte er gefährlich ruhig. Dann drehte er sich um und ging mit abgezirkelten Schritten wie weiland Frankenstein in das Wohnzimmer zurück.
"Das würde dir so passen. Deiner Hurerei haben wir zu verdanken, dass wir zu Weihnachten unsere Enkelkinder nicht einmal sehen können. Man sollte dich kastrieren, damit du nicht noch mehr Schaden anrichten kannst", schrie sein Vater hinter ihm her und seine Mutter spuckte nun tatsächlich vor ihm aus.
Wie ein Automat ging Max weiter und stieg die Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Er ging schnurstracks in das Zimmer mit dem Sandsack und drosch derart darauf ein, dass dieser fast an die Decke schwang.
Etwas später fand er sich in seinem Fauteuil sitzend vor. Hatte er das Bewusstsein verloren? Oder hatte er das alles überhaupt nur geträumt?
Er sah verwirrt auf das zerknitterte rote Kuvert in seiner geballten Faust.
Er musste Lena bitten, ihm doch keine Post mehr zu schicken. Er hielt das einfach nicht mehr aus.
Nein, er musste Lena überhaupt hier heraus halten.
Das Telefon läutete.
"Wo warst du?" schrie Helmut aufgeregt, "ich rufe dich schon seit Stunden an. Ich habe mich mit Manuela versöhnt, ich kann leider nicht kommen. Du wirst das sicher verstehen."
"Frohe Weihnachten", sagte Max apathisch und legte auf.
Dann rief auch noch Jo an, dass er auf einem >X-Mas-Clubbing< eingeladen sei.
"Komm doch mit, Alter. Jede Menge junger Hasen. Wäre schon an der Zeit für dich, ein bisschen Frischfleisch. Bist ja nicht verwöhnt damit ..."
Diesmal sagte Max gar nichts mehr und legte nur auf.
Er wusste nicht, wie lange er schon in seinem Fauteuil gesessen war, es war stockdunkel, als er aufstand und in die Küche ging. Er holte sich eine Flasche Bier und zappte sich durch die Fernsehprogramme der ganzen Welt. Die Bilder liefen vor seinen Augen ab, als wäre dahinter der Film gerissen. Nicht ein Wort drang zu ihm vor. Der Film, der in seinem Inneren ablief, war ein ganz anderer, aber auch den verstand er absolut nicht.
"Frohe Weihnachten, Max", sagte er, als er komplett angezogen, mit einem zerknitterten Kuvert in der Hand, zu Bett ging.

Lena drückte den Teddy fest an ihre Vorderseite und zog den Zippverschluss ihrer Daunenjacke vorsichtig in die Höhe, damit sie ihn nicht einzwickte. Dann zog sie die Wollmütze tief in die Stirn und verließ das Hotel, um in die Mitternachtsmette zu gehen.
Mit strahlenden Augen blickte sie um sich. Es bot sich ihr ein Anblick, wie er sonst nur auf den kitschigsten aller Weihnachtskarten anzutreffen war. Strahlendweiße Winterlandschaft vor dunkelblauem Nachthimmel, die Beleuchtungen der Häuser als warme Lichtinseln im sanften Schneefall, unzählige Glitzerketten an den Bäumen in Vorgärten und auf öffentlichen Plätzen.
Sie war froh und dankbar für dieses Erlebnis. Noch nie hatte sie den Weihnachtsabend außerhalb der Stadt verbracht. Selbst wenn es in Wien einmal am Heiligen Abend schneien sollte, dann war in kürzester Zeit alles grau und matschig.
Was für ein Weihnachtsfest!
Fünfzig Jahre hatte sie alt werden müssen, um so etwas erleben zu dürfen.
Zuerst der Besuch von Max. Bereits ohne Geschenk hätte sein Besuch viel Wärme in ihre Weihnachten gebracht. Ihr erster Teddybär aber (und sofort drückte sie ihn, zärtlich vor sich hinlächelnd, unter ihrer Jacke eng an sich) war natürlich der Überhammer. Abgesehen davon, dass er ein wirklich wunderhübsches Exemplar war und Lena schon allein dadurch viel Freude bereitet hätte, war natürlich die Aufmerksamkeit, die Max ihr gegenüber dadurch zum Ausdruck gebracht hatte, das wirklich Glück bringende.
Dann die Freude der >Vaters< über ihren Besuch. Die Beiden strahlten als wäre sie das Christkind persönlich.
Es war immer schwierig gewesen zu Weihnachten, wie bei allen Scheidungskindern. Da sie im Haushalt ihrer Mutter und ihres heiß geliebten Stiefvaters aufwuchs, verbrachte sie auch die Weihnachtsabende dort. Später mit Fredi luden sie die verwitwete Schwiegermutter zu sich ein. Nach ihrer Scheidung kehrte Lena an den Weihnachtsbaum der >Mutters< zurück. In der Zwischenzeit hatte sich die weihnachtliche Runde um den Mann und die beiden Söhne ihrer fünfzehn Jahre jüngeren Halbschwester erweitert und Lena mochte die Weihnachtsabende sehr, die durch die Anwesenheit der Kinder stimmungsvoll bereichert wurden.
Es war der erste Heilige Abend, den Lena mit ihrem Vater verbrachte. Sie war sein einziges Kind - seine mehr als fünfundvierzig Jahre bestehende zweite Ehe war kinderlos geblieben - und dieser Umstand brachte einiges an Rührung in die Situation.
Sie verbrachten einen sehr gefühlvollen Abend, in dem weihnachtlich geschmückten Speisesaal des Viersterne-Hotels, mit den vielen festlich gekleideten Menschen. Lena trug ein kleines Schwarzes, auch das erste Mal in ihrem Leben an einem Weihnachtsabend, und es stimmte sie irgendwie noch feierlicher. Der vierte Platz am Tisch wurde von Lenas Teddybär besetzt. Den ganzen Abend zog er verwirrte Blicke auf sich und seine elegante Tischgefährtin, die ihm alle Augenblicke mit verklärtem Gesichtsausdruck über den Kopf streichelte oder den Bauch klopfte.
Lena hatte den >Vaters< das Notwendigste von Max erzählt und die Freude über sein Geschenk schien sich auch auf die Beiden zu übertragen. Auf jeden Fall war es ein äußerst frohgestimmter Abend gewesen, an dem die Emotionen im Vordergrund gestanden waren.
Als würdigen Abschluss wollte Lena nun den Besuch der Christmette setzen. Und die Bilderbuch-Weihnachtslandschaft, die sich ihren Augen nun auch noch bot, war ein zusätzliches Mosaiksteinchen, um diesen Abend perfekt zu machen.

Als Lena die kleine Kirche betrat, umfing sie intensiver Weihrauchduft. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Der Weihrauch breitete sich langsam in ihr aus und sie fühlte eine ähnliche Umarmung, als wenn sie ihre Wohnung betrat.
Sie öffnete die Augen wieder und sah glücklich um sich. Es war ein kleines, eher schlichtes Gotteshaus, gerade so wie Lena Kirchen so sehr liebte. An der Altarfront drei hohe bunte Glasfenster, vor dem mittleren hing ein großes Kreuz, mit einem ziemlich naturalistisch dargestellten Jesus. Unter dem linken Fenster stand ein Christbaum. Ein weiß gedeckter, den Sitzbänken zugewandter Tisch ersetzte einen aufwendigen Altar. Alles war festlich geschmückt und unzählige Kerzen brannten. Die Luft war etwas neblig vom Weih- und Kerzenrauch.
In einer der Seitenaltar-Nischen war eine große Krippe aufgebaut und Lena suchte sich einen Platz, von dem sie einen schönen Ausblick auf das Jesukind hatte. Sie betrachtete das kleine Gesichtchen liebevoll. Für ihre Begriffe hatte es der unbekannte Künstler ein wenig zu leidvoll angefertigt. Für sie war Jesus die Liebe und sollte bei seiner Geburt durch seinen liebreizenden Anblick Freude und Glück verbreiten, die ihrer Meinung nach Ziel und deshalb Grundlage für jede Hoffnung bildeten. Alles Tragische und Schwere kam doch erst später.
Sie war auf jeden Fall hier, um den Geburtstag der Liebe zu feiern. Und ihre Liebe trug heute ein strahlendes Antlitz.
Vor dem Christbaum begann sich ein Kinderchor zu formieren. Leises Füßescharren und gedämpftes Lachen mischten sich unter das erwartungsvolle Gemurmel.
Es war warm, die Kirche schien geheizt, Lena nahm die Mütze ab und öffnete ihre Daunenjacke. Als der Teddy zum Vorschein kam, stieß der junge Mann neben ihr verblüfft seine Begleiterin an.
Lena lehnte sich behaglich zurück, kraulte dem Teddy den Rücken und spürte, wie das innere Kind den Teddy von der anderen Seite ebenfalls streichelte.
Sie warf einen geübten Blick in ihr Inneres. Ja, genauso hatte sie es erwartet. Das Kind lag in der Mitte des Flusses auf dem Rücken und trieb selbsttragend dahin, die kleinen Füßchen platschten fröhlich in dem warmen Wasser. Der Teddy saß auf dem Bauch des Kindes und wurde von ihm geknuddelt und gestreichelt.
Aber was war das, irgendetwas war anders als sonst?
Es gab keine Ufer! Es gab keinen Horizont!
Es gab nur endlose Weite. Lena spürte, wie sich die Ewigkeit in ihr ausbreitete, die Begrenzungen ihres Körpers weg schmolzen und es kein Innen und Außen mehr gab. Im Jetzt der Unendlichkeit bestand sie nur mehr aus endlosem, unbeschreiblichem, weil unfassbarem Glücksgefühl.
Ein Harmonium stimmte eine vertraute Melodie an und Lena kehrte in ihr weltliches Glück zurück.
Die Kinder begannen zu singen. Mit großem Vergnügen betrachtete sie die eifrigen Gesichter. Es schien ihr, als schaue sie in einen Spiegel. Auch ihr Gesicht musste so aussehen, denn alles an und in ihr sang ebenfalls Weihnachtslieder und sie musste sich genauso auf den Text konzentrieren, wie ihre kleinen Kameraden. Sie warf einen Blick auf ihren Nachbarn, dessen verstohlene Blicke ihr nicht verborgen geblieben waren. Hoffentlich hörte er nicht, wie falsch ihr Kind, trotz großer Begeisterung leider sang. Es würde ihn sicher noch weiter beunruhigen. Er beschäftigte sich aber intensiv mit der Hand seiner Freundin und Lena lächelte verständnisvoll und blickte diskret wieder weg.
Ihr Blick streifte dabei das Kindchen in der Krippe und sprang bestürzt zurück.
Es hatte ihr zugezwinkert! Das Jesukind hatte ihr zugezwinkert!
Lena starrte den Heiland verdattert an. Er rollte die Äuglein vorsichtig nach rechts und links und nickte ihr dann auffordernd zu.
"Was willst du?" wisperte Lena.
"Lass mich den Teddy einmal streicheln, bitte!" flüsterte der kleine Jesus zurück.
Aber ja natürlich, dem Kleinen ging es wie ihr. Weit und breit kein Kuscheltier. Ganz allein lag er in seiner Krippe. Wichtig standen die Erwachsenen um ihn herum. Alle miteinander schienen vor Überwältigung überhaupt nicht auf die Idee zu kommen, dass so einem Winzling nach kuscheln sein konnte. Weihrauch brachten sie ihm, Myrrhe und Gold! Die Engel, die über dem Ganzen herumschwirrten, waren prächtig anzusehen, aber Heimeliges hatten auch sie nichts an sich.
Lena war wieder einmal äußerst glücklich über ihre spirituellen Möglichkeiten. Wofür man die nicht alles brauchen konnte! Sie blinzelte dem Herrgottskind zu und hops! schon war der Teddy in der Reichweite der kleinen Händchen.
Ganz warm wurde der Teddy unter dem seligen Streicheln des kleinen Herrn. Seine Wärme übertrug sich auf Lena, wieder spürte sie das Schmelzen ihrer Körpergrenzen. Auch Lenas Nachbar schien davon betroffen zu sein. Er wandte sich ihr unvermittelt zu und schüttelte ihr die Hand.
Oh, so weit waren sie schon in der Liturgie?
Lena straffte ihre Schultern und zog den Teddy wieder nah an sich, damit er nicht von ihren Knien rutschte.
"Kommst du wieder?" flüsterte der kleine Mann in ihrem Ohr. Sie nickte und lächelte zärtlich zu ihm hin, doch er hatte die Augen bereits wieder geschlossen.
Bildete sie sich das ein, oder lag nun ein winziges Lächeln auf seinem Gesicht?

Als Lena am nächsten Vormittag zu ihrem ersten Winterspaziergang aufbrach, entdeckte sie in der Halle des Hotels einen Souvenirstand, an dem es Schlüsselanhänger mit winzigen Teddybären zu kaufen gab. In ihren Augen blitzte es übermütig auf, sofort kaufte sie einen, löste den Teddy von dem Schlüsselring und machte sich auf den Weg zur Kirche.
Das Gotteshaus duftete immer noch nach Tannenreisig und Weihrauch, das Licht das durch die bunten Fenster hereinfiel war etwas diffus. Lena gab sich wieder der Umarmung dieser wundersamen Stimmung hin, alle Spannung fiel von ihr ab, selbst ihre aufgeregte Fröhlichkeit beruhigte sich zu stiller Freude.
Sie blickte forschend um sich. Nein, nein, sie war allein.
Langsam ging sie auf die Krippe zu.
"Herr, ich habe dir etwas mitgebracht", flüsterte sie und setzte den kleinen Teddybären neben die Krippe. Vergnügt betrachtete sie ihr Werk. Ja, so konnte er ihn schon erreichen, wenn ihm danach war.
"Ich danke dir für alles", seufzte sie glücklich und nickte einige Male bekräftigend.
Ein verschmitztes Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie wieder zum Ausgang ging und zeigte sich immer wieder auf ihrem Gesicht, wenn sie an den kleinen kindischen Streich dachte. Sie fühlte sich im Einklang mit allen Kindern dieser Welt.